Einzelne Branchen leiden

Die Schweizer Wirtschaft wird sich 2010 erholen. Doch nicht alle Branchen spüren dies. Die Arbeitslosigkeit dürfte weiter zunehmen.

Von Andrea Mašek

 

Die konjunkturelle Talsohle ist durchschritten und es gibt deutliche Erholungssignale, wie die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich kürzlich bekanntgab. Laut Ökonomen der Credit Suisse (CS) wird die Schweizer Wirtschaft dieses Jahr insgesamt um 0,6 Prozent wachsen. Und Serge Gaillard, Leiter der Direktion Arbeit im SECO, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur SDA, dass sich der Arbeitsmarkt besser als erwartet entwickle.

 

Gaillard möchte aber keine Entwarnung geben und tatsächlich ist Vorsicht geboten. Die Ausgangslage nach dem Krisenjahr 2009 ist nämlich nicht für alle Branchen gleich. Das Branchenhandbuch 2010 der CS zeigt, wer die Krise überstanden hat und wen sie jetzt noch einholt.

 

Exportbranchen profitieren

Die mittelfristigen Perspektiven für die exportorientierten und technologie-intensiven Branchen sehen gut aus, weil das Ausland im Aufschwung ist und Länder wie China, Indien oder Brasilien weit weniger von der Wirtschaftskrise betroffen waren. Für die Exporttätigkeit erwarten die CS-Ökonomen deshalb einen Zuwachs von 5 Prozent. Unsicher ist hingegen die Geschäftslage mit den traditionellen Aussenhandelspartnern der Schweiz.

 

Von der Erholung der Weltwirtschaft profitieren gemäss CS-Ökonomen in erster Linie exportorientierte Zulieferindustrien: Produzenten chemischer Grundstoffe, Metallerzeuger, Kunststofffabrikanten und Hersteller von Papierprodukten. Gut sind die Aussichten für die chemisch-pharmazeutische Industrie, Medizinaltechnik und  Uhrenindustrie, da sie in der Technologie führend und deshalb international besonders wettbewerbsfähig sind.

 

Ebenfalls erfreuliche Prognosen erhalten die Informatik- und die Unternehmensdienstleistungsbranche. Die Aussichten für die Finanzdienstleister werden im Handbuch als positiv bezeichnet. Sie werden aber wegen der laufenden Diskussionen um die Finanzmarktregulierung mit einem grossen Unsicherheitsfaktor belegt. Laut CS-Ökonomen bleibt der Finanzplatz Schweiz international gut positioniert. Das Gesundheitswesen profitiert von einer stetig wachsenden Nachfrage, unter anderem wegen der Alterung der Gesellschaft.

 

An den binnenorientierten Branchen dürfte die Erholung vorbeiziehen, sagen die CS-Ökonomen. Dies weil der Privatkonsum zwar weiter wächst, aber deutlich langsamer als 2009. Den Grund dafür sehen die Fachleute in der weiter ansteigenden Arbeitslosigkeit. Die Konsumflaute wird die Detailhandelsumsätze sinken lassen und Konsumgüterhersteller, das Gastgewerbe wie auch die Autobranche negativ beeinflussen. Weiter sagen die Ökonomen eine geringeres staatliches Ausgabenwachstum voraus und der Bauwirtschaft Überkapazitäten. Strukturschwache Branchen wie die Papierindustrie, das Druck- und Verlagswesen, die Textil- und Bekleidungsindustrie und die Landwirtschaft werden sich unterdurchschnittlich entwickeln.

 

Arbeitslose Uhrenindustrie

Um die Arbeitslosigkeit auf der Branchenstufe präziser erfassen zu können, wurden die offiziellen Statistiken im Branchenhandbuch mit Schätzungen seitens der CS-Ökonomen ergänzt. Daraus resultiert, dass die Uhrenindustrie mit einer Arbeitslosenquote von über 10 Prozent von der Rezession besonders betroffen war. Starke Anstiege gab es auch in der Metall- und Maschinenindustrie, während die Zunahme im Gesundheitswesen «nur» bei 2 Prozent liegt.

 

Serge Gaillard zufolge entwickelt sich der Arbeitsmarkt dennoch besser als erwartet. Mit Ausnahme der Saison-Branchen wie dem Bau sei die Beschäftigung im Winter stabil geblieben. In der Industrie sei der Anstieg der Arbeitslosigkeit sogar fast zum Stillstand gekommen. Allerdings ist die Kurzarbeit laut Gaillard noch auf hohem Niveau.

 

Die CS-Ökonomen verweisen darauf, dass in diesem Jahr in vielen Unternehmen die Kurzarbeit ausläuft, was zu einem höheren Stellenabbau führen wird. Laut SECO haben die Schweizer Unternehmen weniger Stellen abgebaut als in früheren Rezessionen - abgesehen von der Industrie, wo rund 30 000 Jobs verloren gegangen sind.

 

Für die nächsten Monate rechnet Serge Gaillard mit einer Senkung der Arbeitslosenzahl, warnt aber, dass sie sich im nächsten Winter massiv erhöhen könnte. Eine Prognose für das gesamte Jahr 2010 wird das SECO Mitte März vorlegen.

 

Laut Branchenhandbuch wird die Arbeitslosenrate weiter ansteigen und im Jahresmittel einen Wert von über 5 Prozent erreichen. Darunter dürfte vor allem die Maschinenindustrie leiden.