Context: Der KV Schweiz hat mit der Migros eine Lohnvereinbarung unterschrieben, die ungefähr je hälftig eine nachhaltige Lohnerhöhung und eine Einmalprämie verspricht. Warum?
Barbara Gisi: Die Situation bei der Migros ist speziell. Einerseits hat der Konzern im vergangenen Jahr einen grossen Gewinn geschrieben, und auch für dieses Jahr gehen wir von einem guten Abschluss aus. Andererseits wird der Konkurrenzkampf in der Branche härter, was Auswirkungen auf Margen und Gewinn hat. Mit der jetzt getroffenen Lösung können die Mitarbeitenden an den Erfolgen partizipieren, und gleichzeitig werden die Löhne auch dauerhaft moderat erhöht.
Hat der KV Schweiz schon früher solche Prämienlösungen gutgeheissen?
Dies hatten wir schon im Luftverkehr, als sich Unternehmen nicht nachhaltig auf eine höhere Lohnsumme verpflichten mochten. Neben den Einmalzahlungen mit einem Fixbetrag gibt es bei der Fluggesellschaft Swiss seit 2007 auch ein vertraglich vereinbartes Gewinnbeteiligungsmodell. Je nach Höhe des Gewinns erhalten die Angestellten des Bodenpersonals jährlich zwischen 3 und 10 Prozent ihres Jahres-Basislohnes als Gewinnbeteiligung. Im Nachhinein gesehen hat sich das sehr gelohnt.
Inwiefern?
Da wir vor allem 2008 ein ausgezeichnetes Geschäftsjahr hatten, bekamen die Angestellten bedeutend mehr als bei herkömmlichen Lohnverhandlungen hätte vereinbart werden können. Ab diesem Jahr finden zusätzlich zum Gewinnbeteiligungsmodell auch wieder konventionelle Lohn- und Vertragsverhandlungen statt. Diese sind zurzeit noch im Gang.
Prämien statt Lohnerhöhung – wird man das künftig öfter antreffen?
Zunächst einmal gibt es bei der Migros Prämien plus Lohnerhöhungen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Zum andern ist das System schon recht verbreitet, allerdings nicht dort, wo die Löhne mit externen Sozialpartnern wie dem KV Schweiz ausgehandelt werden. Die Bonussysteme, wie sie bei Banken und in diversen anderen Branchen zur Anwendung kommen, sind letztlich nichts anderes. Aber bei unseren Verhandlungen sollen solche Lösungen die Ausnahme bleiben.
Warum?
Unser wichtigstes Ziel bleibt es, die Grundlöhne zu sichern. Denn nur über den Grundlohn können wichtige Anliegen wie Lohngerechtigkeit oder Anhebung der Mindestlöhne und Sicherung und Steigerung der Kaufkraft für untere und mittlere Einkommen nachhaltig beeinflusst werden. Ausserdem darf man nicht vergessen, dass die meisten sozialen Absicherungen, sei es gegen Arbeitslosigkeit oder Krankheit sowie die Altersvorsorge auf dem Grundlohn aufbauen.
Warum hat man sich dann überhaupt auf Prämienzahlungen eingelassen?
Wir haben ein gewisses Verständnis dafür, dass ein Unternehmen nur die langfristigen Gewinnerwartungen in nachhaltige Lohnerhöhungen einfliessen lassen kann, denn es muss ja die einmal gewährten Lohnerhöhungen jedes Jahr neu erwirtschaften. Einzelne gute Jahre lassen sich deshalb nur schwer in überdurchschnittliche Lohnerhöhungen ummünzen. Zur Zahlung von Einmalprämien sind die Unternehmen hingegen viel eher bereit, denn daraus erwächst ihnen keine langfristige Verpflichtung.
Lässt man sich mit Prämien nicht über den Tisch ziehen?
Damit wir uns richtig verstehen: Zuerst verhandeln wir über Lohnerhöhungen. Die Frage der Prämien bringen wir erstens selten und zweitens erst dann aufs Tapet, wenn die Lohnverhandlungen ausgereizt sind.





