Eines muss man den Autoren lassen: Unbemerkt geblieben ist das Weissbuch «Zukunft Bildung Schweiz» nicht. Gut möglich, dass diese Publikation die fällige bildungspolitische Gesamtstrategie-Debatte richtig zu lancieren vermag. Mit Blick auf diese Debatte verdient die Berufsbildung indes eine genauere und kenntnisreichere Würdigung, als ihr die Weissbuch-Autoren zu Teil werden lassen.
Mit der dualen Berufsbildung verfügt die Schweiz über eine eigentliche Bildungsperle, deren Wert im In- und Ausland zunehmend erkannt und weit herum gelobt wird. Sie bringt der Wirtschaft einen entscheidenden Standortvorteil: hoch qualifizierte Praktiker, die theoretisches Wissen mit praktischer Umsetzung kombinieren. Gleichzeitig läuft sie Gefahr, im internationalen Vergleich als Relikt zu erscheinen, das unbedingt europäisch-angelsächsischen Gegebenheiten angepasst werden muss. Die Optik dabei: akademisch gleich hochwertiger, schulisch gleich besser - und die Berufsbildung als minderwertige Alternative für jene, die keine Matura und keinen Bachelor schaffen.
Die Entwicklung hin zu höheren Bildungsabschlüssen ist so unaufhaltsam wie wirtschaftlich notwendig und gesellschaftlich erfreulich. Das Weissbuch fordert eine Steigerung auf gegen 70 Prozent im Jahr 2030 und ruft zu diesem Zweck nach einer höheren Maturandenquote. Gut gebrüllt - aber zu kurz gedacht. Zwei Dinge dürfen nicht verwechselt werden: Tertiarisierung des Abschlussniveaus und Akademisierung der Bildungswege. Höhere Bildung ist nicht gleich Hochschulbildung. In der Debatte um die Höherqualifizierung der Bevölkerung ist wenig überraschend auch im Weissbuch nur von der Maturandenquote die Rede, nicht aber von der Tatsache, dass in der Schweiz für 90 Prozent der Jugendlichen die Tür in die tertiäre Bildungsstufe heute schon offensteht - dank Berufslehre und höherer Berufsbildung, die nun als Auslaufmodell verschrien werden. Statt diese nationale Eigenheit im Rahmen der globalen Vereinheitlichung als hinderlich zu betrachten, lässt sie sich als Alleinstellungsmerkmal geschickt im globalen Wettbewerb einsetzen.
Die Vorteile des dualen Systems liegen auf der Hand: Die Berufsbildung eröffnet Perspektiven sowohl für eher praktisch ausgerichtete wie auch für intellektuell starke Schulabgänger. Sie integriert den Nachwuchs früh in die Arbeitswelt. Vielfältige Weiterbildungsmöglichkeiten und Durchlässigkeit entsprechen den Forderungen des lebenslangen Lernens. Auch aus didaktischer Sicht ist das duale System stark: Die vom Weissbuch geforderte Ausrichtung auf Kompetenzen, die Handlungsorientierung wird hier seit jeher gelebt, die Absolventen verfügen nicht nur über Wissen, sondern über Können. Was nützt Spitzenforschung, wenn niemand da ist, der die Erkenntnisse in den Unternehmen wertschöpfend umsetzen kann? Und nicht zuletzt ist die duale Bildung mit Bezug auf Wirksamkeit und Effizienz sowohl aus Sicht der öffentlichen Finanzen wie auch aus Sicht der Individuen und Unternehmungen vorteilhaft. Die Umstellung auf ein verschultes System würde sowohl Staat wie auch Wirtschaft schmerzlich teuer zu stehen kommen.
Ein amerikanischer Assessor des OECD-Reviews der Tertiärbildung bemerkte am Rande eines Interviews, er wäre froh, in seinem Land über vergleichbare Möglichkeiten zu verfügen, damit würden sich einige auch gesellschaftspolitisch brisante Schwierigkeiten lösen lassen. Die Realität in Ländern ohne hochwertige Berufsbildung ist die „Generation Praktikum": Ein Bachelor, und erst recht ein Maturand, ist nicht berufsbefähigt, sondern absolviert - oftmals während Jahren - schlecht oder gar nicht entlöhnte Praktika. Angestrengt versuchen Länder mit hoher Akademikerquote, der hohen Arbeitslosigkeit unter Hochschulabsolventen zu begegnen, indem sie Studiengänge praxisnäher ausgestalten. Ist es Zufall, dass die Absolventen der höheren Berufsbildung schweizweit am seltensten von Erwerbslosigkeit betroffen sind?
Zweifelsohne steht ein traditionelles System wie die Berufsbildung vor Herausforderungen und wird sich dem Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft anpassen müssen. Deswegen ein bewährtes System über Bord zu werfen, um das uns Bildungsexperten aus dem Ausland beneiden, wäre jedoch fatal. Es gilt, gezielt die notwendigen Anpassungen vornehmen. Die Arbeiten dazu sind im Gange - auch international, etwa mit dem Kopenhagen-Prozess (dem „Bologna der Berufsbildung") oder dem European Qualifications Framework (EQF), dessen nationale Umsetzungen erstmals ein einheitliches Raster für schulisch-akademisch wie beruflich erworbene Qualifikationen liefern können. Wie soll heute ein amerikanischer Manager in einem multinationalen Unternehmen verstehen, dass beispielsweise ein eidg. dipl. Experte in Rechnungslegung und Controlling ein Abschluss auf Meister-, sprich Master-Niveau ist?
Damit wir von der dominierenden Sichtweise nicht einfach überrollt werden, muss sich die Berufsbildung selbstbewusst als Unique Selling Proposition für den Wirtschaftsstandort Schweiz vermarkten. Gleichzeitig lässt sich die bildungspolitische Gesamtstrategie-Debatte mit Gewinn nur führen, wenn die Systeme schulisch-akademischer Bildung und praxisnaher Berufsbildung nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in ein ausgewogenes Zusammenspiel gebracht werden.
Prof. Michèle Rosenheck, Leiterin Berufsbildung, Kaufmännischer Verband Schweiz
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