Orienteriung in Bildungsdschungel und Titel-Wirrwarr

Wert hat, was die Praxis nachfragt

Wohlklingende Titel sind in der Schweizer Weiterbildungslandschaft zu Tausenden zu erwerben. Aber was lohnt sich? Wo klingelt die Kasse nicht nur bei den Schulen, sondern auch beim Bildungskunden? Für diese Fragen achtet man mit Vorteil auf die Anerkennung der Abschlüsse. Denn sie zeigt recht verlässlich den praktischen Wert einer Weiterbildung.

Wer sich nicht weiterbildet, steht still. Heisst es oft. Und: ohne Weiterbildung keine Zukunft. Weiterbildung ist geradezu zu einem Zwang geworden, und wer sich beruflich entwickeln will, tut in der Tat gut daran, sich immer wieder die Frage zu stellen, wie und wo er seine Perspektiven stärken und verbessern kann. Einerseits heisst das: Was will oder muss ich noch dazu lernen? Andererseits geht es auch darum, dass diese zusätzlich erworbenen Kompetenzen im Job und auf dem Arbeitsmarkt erkennbar werden. Denn was nützt ein noch so schöner Titel, wenn niemand erkennt, was dahinter steckt?

 

Für Berufskarrieren in Gewerbe und Industrie liegt die Sache oftmals einfach: Der zuständige Branchenverband legt Bildungsziele und Qualifikationen fest, die man im Job braucht. Er ist selbst Anbieter der Ausbildung, führt die Schulen, verleiht die Titel und verbürgt mit seinem Namen gleichzeitig auch die Anerkennung der Abschlüsse. Solche Monopole existieren verbreitet in der Schweiz, und komplizierter wird es erst, sobald darüber hinaus viel Geld ver-dient werden kann und Konkurrenz, Wettbewerb und Lehrgangs-Marketing die Titel-Kreativität antreiben.

 

Alle Titel tönen gut, aber...

 

Im Dienstleistungsbereich ist die Weiterbildungswelt ausgesprochen unübersichtlich: es herrscht ein eigentlicher Bildungs- und Titeldschungel. Und ein lukrativer, hoch kompetitiver Markt, auf dem manche Player mit der bestehenden Unübersichtlichkeit nicht nur gut leben können, sondern über die Schaffung ständig neuer Lehrgänge und kreativer Titel selbst auch wesentlich zu diesem Dschungel beitragen.

 

«Alle Titel tönen gut, aber...»: Diese Worte titelten bereits ein Interview mit BBT-Direktorin Dr. Ursula Renold, des Bundesamtes also, das für Berufsbildung und Fachhochschulen in der Schweiz verantwortlich ist. Skepsis aus gutem Grund: Nicht alles, was glänzend daherkommt, ist auch goldene Münze für die berufliche Zukunft.

 

Spreu von Weizen trennen

 

Welche Titel stehen für den praktischen Nutzen: Schon die Orientierung an wenigen Grundsätzen kann helfen, den Dschungel zu lichten. Erstens: Niemand nimmt alles für bare Münze, was er hört. Glaubwürdigkeit hängt entschei-dend von der Quelle ab: Ist sie bekannt, vertrauen Sie ihr (erst einmal). Andernfalls hören Sie genauer hin, suchen eine zweite, dritte Quelle zur Bestätigung. Halten Sie es bei Weiterbildungen genauso.

Zweitens: Erfolgreiche Geschichtenerzähler kennen ihr Publikum. Eine Pointe greift nicht, wenn die Zuhörer die Geschichte nicht verstehen, weil ihnen nichts daran vertraut vorkommt. Bei Weiterbildungen geht es auch um die Verständlichkeit fürs Zielpublikum. Wer zuerst erklären und übersetzen muss, was sein Titel bedeutet, gewinnt im Lebenslauf wenig.

 

Zwei klassische Wege

 

Einen sicheren Wert bieten die eidgenössisch anerkannten Abschlüsse. Diese sind über die Höhere Berufsbildung und in der Hochschulwelt zu erlangen. Sie unterscheiden sich in ihrem Profil (siehe auch Kasten):

  • Eidg. anerkannte Fachausweise (Berufsprüfung) und Diplome (Höhere Fachprüfung und Höhere Fachschulen) sichern der Schweiz Praktiker/innen als Fach- und Führungskräfte. Ihre Qualifikationen werden direkt von den Verbänden definiert, angepasst auf die aktuellen An-forderungen jeder Branche. Wer diesen Weg wählt, ist am Puls der Zeit und geht den praktischen Weg. Die Abschlüsse werden in der Branche verstanden – die Pointe sitzt. Dieser Weg führt zu rechtlich geschützten Titeln.
  • Hochschul-Titel nach dem Bologna-System (Bachelor, Master) sind sowohl eidg. wie auch international anerkannt. Sie setzen im Regelfall eine (Berufs-)Maturität voraus und sind stärker auf die Theorie ausgerichtet. Im Unterschied zur Höheren Berufsbildung bilden sie nicht ab, was jemand in der Praxis umsetzen kann, sondern stellen auf den Lernumfang ab (ECTS-Punkte; vgl. «Bologna»). Unübersichtlich wird es an Universitäten und Fachhochschulen bei der Weiterbildung: Offizielle Anerkennung und Titelschutz bestehen nur für die Weiterbildungs-Master (MAS) und nur in der Schweiz. Zertifikate und Diplome (CAS, DAS) geben zwar ebenfalls ECTS-Punkte, unterliegen aber keinem eidg. Reglement.

Rückhalt in der Wirtschaft

 

Daneben existiert eine Vielzahl an Weiterbildungen ohne Anerkennung in offizieller Form. Sie machen die Weiterbildungslandschaft erst so richtig zum Dschungel. Bei diesen Abschlüssen gilt es, genau hinzuschauen. Dabei ist nicht nur ein Blick auf die Lerninhalte und den Bildungsanbieter sinnvoll. Ebenso wichtig ist die Frage, wer dahinter steht.

 

Viele Weiterbildungen werden direkt von Verbänden oder Branchenorganisationen getragen. Hierunter fallen z. B. Sachbearbeiter- oder Zertifikatslehrgänge, die oft den Einstieg in eine Branche ermöglichen. Der Vorteil verbandsgetragener Weiterbildungen ist, dass wie bei der Höheren Berufsbildung die Wirtschaft ihre Anforderungen an diese Abschlüsse definiert. Auch ohne eidg. Anerkennung bieten sie darum Gewähr dafür, dass ihre Qualifikationen in der Praxis verstanden werden. Nicht in jedem Fall ist allerdings die Anschlussfähigkeit gewährleis-tet: Gerade bei umfangreicheren Vorhaben sollte man deshalb abklären, ob und wo sie sich für spätere Weiterbildungsschritte anrechnen lassen.

 

Für neu entstehende Arbeitsfelder existieren typischerweise relativ lange gar keine reglementierten Weiterbildungen: Das Berufsprofil muss sich erst schärfen, bis sich ein spezialisiertes Ausbildungsangebot dazu entwickeln kann. Ein Qualitätszeichen ist auch hier, wenn Verbände (oder renommierte Unternehmen) hinter einer Weiterbildung stehen. Und wo das (noch) nicht der Fall ist, bietet die Suche nach etablierten Bildungsanbietern mit anerkanntem Ruf ebenso eine gutes Mass an Sicherheit wie ein Blick auf den Aufbau des Bildungsgangs: Werden Theorie und Praxis vermittelt? Bringen die Dozenten eigene, nutzbare Berufserfahrung ein?

 

Bei rein schulischen Abschlüssen ist allgemein Vorsicht geboten. Hauseigene Titel, von den Schulen verliehen, aber nicht von der Wirtschaft getragen, klingen zwar oft überzeugend. Nur nützt das wenig, wenn Qualifikationsprofil und Kompetenzen unscharf oder gar nicht erkennbar sind. Bei solchen Weiterbildungen besteht die Gefahr, dass bei Bildungskunden nach Abschluss Enttäuschung herrscht, da bspw. der Karriereschritt ausbleibt, weil seine Weiterbildung auf dem Markt unbekannt ist.

 

Internationaler Einfluss

 

Die Globalisierung der Wirtschaft bringt auch eine Internationalisierung der Bildungslandschaft mit sich. Deutlich zeigt sich das im Hochschulbereich, wo mit der Bologna-Reform eine europaweite Harmonisierung der Ausbildungen angestrebt wird. Es gibt allerdings Grenzen der Vereinheitlichung: Auch heute ist es noch keineswegs so, dass ein Bachelor der Hochschule X automatisch Zugang zum Masterstudium an der Hochschule Y gewährt – vor allem über Landesgrenzen hinweg ist die Mobilität der Studierenden nach wie vor begrenzt. Bei Weiterbildungsabschlüssen von Hochschulen verhält es sich ähnlich: Eine internationale Anerkennung inhaltlicher Art existiert hier ebenso wenig. Aber man erwirbt sich ECTS-Punkte als Tauschwährung auch im Ausland – was den Zugang zu Weiterbildung ebenso wie den Wert auf dem Arbeitsmarkt mindestens verbessert.

 

Die Höhere Berufsbildung, innerhalb der Schweiz eine Erfolgsgeschichte, ist hier etwas ins Hintertreffen geraten. Weil in den allermeisten Ländern höhere Qualifikationen nur akademisch und nicht über den praxisorientierten berufsbildenden Weg erworben werden können, wird die Qualität der Schweizer Berufsabschlüsse oft verkannt: Ein Bachelor in Business and Administration ist international verständlicher und einfacher einzuordnen als eine dipl. Betriebswirtschafterin HF, ein eidg. dipl. Experte in Rechnungslegung und Controlling. Das Problem der «Übersetzbarkeit» in eine auch im Ausland verständliche Terminologie ist zwar erkannt, Lösungen gibt es aber erst für wenige Branchen.

 

Das führt für Inhaber solcher Abschlüsse trotz ihrer Qualifikationen zu Benachteiligungen, übrigens zunehmend auch auf dem heimischen Markt: Gerade in multinationalen Konzernen fällen zusehends ausländische, akademische geprägte HR- und Linien-Verantwortliche Personalentscheide. Was nicht den Titel Bachelor oder Master trägt, ist für sie nichts wert. Fachausweis? Keine Ahnung...

 

Nicht verzagen – fragen!

 

Das letzte Beispiel verdeutlicht: Auch wer sich an den vorgeschlagenen Grundsätzen orien-tiert, hat die bestehende Unübersichtlichkeit bei Titeln und Abschlüssen noch nicht zwingend beseitigt. Weiterfragen hilft. Bei Berufs- und Branchenverbänden, bei Praktikern in Unternehmen, bei ehemaligen Absolventen. Wo lernen Sie am besten, was Sie brauchen? Und wie – mit welchem Abschluss – zeigen Sie am klarsten, was Sie können? Kompetente Einschätzungen und unmittelbare Erfahrungen unterstützen bei einer feineren Orientierung – und darin, sich nicht von teuren Versprechungen blenden zu lassen.

 

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Was sind „Bologna“ und „Kopenhagen“?

"Bologna" und "Kopenhagen" sind nicht nur zwei Städte in Europa. Sie stehen für zwei wichtige Prozesse im europäischen Bildungsraum.


Zentrale Begriffe

 

Sprachen und Informatik

Zu den meist gewählten Weiterbildungsangeboten in der Schweiz gehören Sprach- und IT-Anwender-Kurse. Eine breite Anerkennung im Informatikbereich geniesst hier insbesondere das modulare System des Schweizerischen Informatik-Zertifikats (www.siz.ch), das von wichtigen Wirtschaftsverbänden gefördert wird, sowie die sog. European Computer Driving Licence (www.ecdl.ch).

Beim Sprachenlernen – egal ob zu Hause oder im Ausland – sollte man darauf achten, dass der Abschluss zu einem anerkannten Diplom führt, das ein gewisses Niveau bestätigt. Eine erste Übersicht liefert die Website der Berufsberatung.

 

KV – was nun?
Das Standardwerk
zur KV-Weiterbildung

Ordnung im Kürzelwirrwarr

Detaillierte Informationen zu den Abschlüssen der Höheren Berufsbildung und der Hochschulen finden Sie im Glossar „Ordnung im Kürzelwirrwarr“ von KV Schweiz.