Von Ingo Boltshauser und Thomas Heeb
Früher war bei Feierabend noch tatsächlich Schluss, und spätestens mit dem Lichterlöschen im Büro war die Arbeit für diesen Tag getan. Heute hat das Büro in einer Aktentasche oder einem Rucksack Platz, und die Menschen nehmen ihre Arbeit bei Feierabend einfach mit. Im Zug werden die Laptops ausgepackt, die Handys dazugelegt, und weiter geht's. Schnell noch die Mails checken, eine Excel-Tabelle fertig stellen oder die Präsentation für den anderen Morgen überarbeiten. Dazwischen Anrufe empfangen und tätigen, Anweisungen entgegennehmen und erteilen, Termine vereinbaren und abgleichen.
Daheim oder während das Nachtessens im Restaurant bleibt die Verbindung zur Arbeitswelt über das Handy aufrecht, und was beim letzten E-Mail-Check des Tages immer öfter passiert, schilderte ein Journalist der «Zeit» vor kurzem so: Die Kollegin wünscht den Text einer Autorin zu lesen, den man selber zwar nicht hat, jedoch innert Minuten von der Autorin nochmals erhält und ihn der Kollegin weiterschickt, nicht ohne sie zur Sicherheit per SMS darauf aufmerksam zu machen, falls sie den Computer bereits ausgeschaltet habe. Die Kollegin mailt innert weniger Minuten zurück: «Danke! 23:58! Sind wir denn alle verrückt?»
Überstunden und keine Ferien
Nun, das wohl nicht gerade. Aber die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verwischen sich immer mehr. Was in sogenannt kreativen Berufen und bei Selbständigerwerbenden schon länger gang und gäbe war, zieht immer weitere Kreise. Auch wer nicht selbständig arbeitet, ist bereit, mehr zu leisten, als er oder sie eigentlich müsste. Laut den Statistikern des Bundes wurden 2007 (neuere Zahlen liegen nicht vor) insgesamt 186 Millionen Überstunden geleistet. Das sind 4,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Jede/r Vollzeitangestellte arbeitete statistisch gesehen pro Woche eine Stunde und neun Minuten länger als vertraglich vereinbart. Gesamthaft entspricht das in etwa 97 000 Vollzeitstellen. Am meisten Überstunden wurden in der Branche «Kredit- und Versicherungsgewerbe» geleistet (101 Stunden pro Arbeitsstelle), am wenigsten im Gastgewerbe (33 Stunden).
Dazu passt eine 2008 erstellte Studie des Personaldienstleistungsunternehmens Robert Half unter Personal- und Finanzmanagern. Zwei Drittel der befragten Personen gaben an, weniger Urlaub zu nehmen als ihnen eigentlich zustehen würde. Nur gerade ein Drittel bezog das Ferienguthaben im gleichen Jahr. Die anderen verschoben die Ferien auf das nächste Jahr. Als Gründe gaben sie entweder ein zu hohes Arbeitspensum an oder ein schlechtes Gefühl, dem Arbeitsplatz längere Zeit fern zu bleiben.
Noch genauer auf die «neue Überstundenkultur» geht die Autorin Bärbel Kerber in ihrem Buch «Die Arbeitsfalle» ein. Sie hat festgestellt, dass Arbeiter in Industrie- oder Gewerbebetrieben - nicht zuletzt auch dank der noch immer dominierenden Stechuhr - weniger anfällig sind für Überstunden als Angestellte. Im Gewerbe würden zudem Menschen durch Maschinen ersetzt, um rationeller zu arbeiten. Im Angestelltenbereich geschehe die Rationalisierung aber weitgehend durch Mehrarbeit. Insbesondere von Höherqualifizierten werde unbezahlte Mehrarbeit erwartet. Anders gesagt: Der Umfang der Mehrarbeit steigt mit dem Einkommen und der Stellung in der betrieblichen Hierarchie. Was mit ein Grund dafür ist, dass es vorab Männer sind, die weiter oben in der Hierarchie stehen. Denn solange immer noch die Frauen, wie in den meisten Fällen üblich, den Hauptteil der Haus- und Familienarbeit leisten, sind für sie ausgedehnte Arbeitszeiten unvereinbar.
Bei den gefährdeten Branchen stehen für Kerber die «IT-Worker» an der Spitze, also die oft noch jungen Spezialisten der Computer-, Software- und Telekommunikationsbranche. Gefolgt werden sie von Bankern und Beratern. Die Unternehmenskultur in ihrer Branche sei oft geprägt von einem Elitebewusstsein und ganzem Einsatz für die Firma, die für sie nicht selten bedeutend mehr ist als ein schlichter Arbeitgeber.
Technik macht's möglich
Gefördert, ja wenn nicht gar erst ermöglicht wurde diese Befreiung der Arbeit von einem festen Ort zur vereinbarten Zeit durch die rasante technische Entwicklung im Computer- und vor allem auch im Telekommunikationsbereich. Galt bereits die Einführung des Telefax seinerseits als enorme Erleichterung der Arbeitsabläufe, so erfuhren diese durch das Internet und den E-Mail-Versand von Dokumenten eine nochmalige Beschleunigung in ungeahntem Ausmass. Und der unaufhaltsame Einsatz der Mobiltelefonie auch in der Geschäftswelt machte es vorab den Büroarbeitenden möglich, von fast jedem Punkt der Welt aus ihrer Arbeit nachzugehen. Die Zahlen sind eindrücklich. Waren 1998 in der Schweiz noch 1,67 Millionen Mobilfunkanschlüsse verzeichnet worden, so waren es Ende März dieses Jahres bereits deutlich mehr als Einwohnerinnen und Einwohner, nämlich 8,75 Millionen Anschlüsse. Im europäischen Vergleich der sogenannten Marktdurchdringung liegt die Schweiz damit etwa in der Mitte.
Die Nase noch weiter vorne hat die Schweiz bei der Zahl der Breitband-Internet-Anschlüsse. Ende Dezember 2008 wurden 2,53 Millionen solcher Anschlüsse gezählt. Auf 100 Einwohner/innen kamen also 33,5 Anschlüsse, womit die Schweiz in einem Vergleich von 30 Ländern auf Rang vier landete.
Die technische Ausrüstung, um auch in der Freizeit zu arbeiten, ist in der Schweiz also überreichlich vorhanden. Hinzu kommt, dass in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren in vielen Betrieben althergebrachte Vorstellungen zum Thema Arbeitszeit über den Haufen geworfen wurden. In immer mehr Unternehmen gilt heute Vertrauensarbeitszeit, das heisst, die geleistete Arbeit wird, wenn überhaupt noch, von den Angestellten selbst erfasst (siehe Artikel «Entwicklung der Arbeitszeit», Seite 23).
Gänzlich zur Nebensache verkommt die geleistete Arbeitszeit dort, wo das Prinzip «Leading by objects» («Führung durch Ziele») konsequent zur Anwendung kommt. Was für Vorgesetzte schon länger gilt, nämlich dass sie nicht an ihrer Anwesenheit gemessen werden, sondern daran, ob sie die in sie gesetzten Erwartungen auch erfüllen, zieht heute immer breitere Kreise. Dabei gilt: Je anspruchsvoller die Tätigkeit, desto weniger interessiert die Frage, mit welchem Zeitaufwand und zu welcher Tageszeit sie geleistet wurde.
Zusammen mit moderner Software, die das sogenannte Cloud Computing ermöglicht, wird das Büro als Arbeitsplatz im herkömmlichen Sinn zunehmend überflüssig. Die geschäftlichen Daten schweben als Wolke irgendwo im virtuellen Raum und können von den Berechtigten stets und von überall her abgerufen und weiter bearbeitet werden.
Mobil und flexibel
Für den Autor und Journalisten Markus Albers ist das ein ideales Umfeld für die «Freiangestellten» in der künftigen, mobilen und flexiblen Arbeitswelt. In seinem Buch «Morgen komm ich später rein» sowie in diversen Interviews und Artikeln plädiert er dafür, das Büro zu meiden, weil man dort sowieso viel zu oft abgelenkt wird. Tatsächlich ergab eine Studie, dass man sich in einem Büro gerade mal elf Minuten am Stück auf eine Arbeit konzentrieren kann, bevor man wieder durch Telefon, E-Mail oder Kollegen/innen abgelenkt wird. Wenn man hingegen daheim oder irgendwo unterwegs arbeitet, hat das laut Albers viele Vorteile: «Das wichtigste ist, dass man Herr über seine eigene Zeit wird und genau dann arbeiten kann, wenn man sich am produktivsten fühlt. (...) Ich schaffe die Arbeit von neun Stunden plötzlich in fünf. Und der Rest ist frei.»
Albers plädiert für ein Arbeitsmodell, bei dem Arbeit und Freizeit verbunden werden - und bei dem man ständig erreichbar ist. Er sieht darin durchaus die Gefahr, dass man am Schluss das Gefühl bekommt, nur noch zu arbeiten: «Da muss der Festangestellte lernen, wie ein Freiberufler zu denken und verantwortungsvoll mit der eigenen Zeit umzugehen. Man muss klare Regeln aufstellen, wann man erreichbar ist.» So liessen sich auch Familienpflichten und Kinderbetreuung besser mit der Arbeit vereinen.
Auch die Psychologin Barbara Gölz, die mit ihrer Winterthurer Consultingfirma vor allem im Gesundheitsmanagement und der Organisationsentwicklung tätig ist, beobachtet einen Wandel: «Für die Generation, die mit den modernen Kommunikationsmitteln aufgewachsen ist, gibt es weniger künstliche Grenzen zwischen Arbeits- und sonstiger Welt. Es gibt nur den Termin, bis wann ein Projekt abgeschlossen sein muss.» Wie und wo die Arbeit gemacht wird, bleibe den Ausführenden überlassen. Wer auf diese Weise arbeite, hole sich im Beruf und in der Arbeit viel von dem, was ihm oder ihr wichtig ist im Leben. Kommt hinzu, dass eine hohe Autonomie bei der Gestaltung des Arbeitstages einen hohen Motivationswert habe: «Wer sich die Arbeit selber einteilen kann, arbeitet motivierter.» Wer im Beruf aufgehe und mit Freude und Energie im Job aktiv sei, habe auch ein kleineres Bedürfnis, sich am Feierabend oder in den Ferien völlig aus der Arbeit auszuklinken. Das sei insbesondere bei selbständigen Unternehmern oft zu beobachten.
Allerdings sieht Barbara Gölz auch Gefahren: «Ängstliche oder unsichere Personen zum Beispiel empfinden zu viele Freiheiten rasch als zusätzlichen Stress und schätzen daher klare Orientierungsleitlinien und Vorgaben.» Auch wenn man ein leeres Privatleben mit Arbeit auffüllen wolle, sei dies meist weder mit Freude noch mit besonderer Produktivität verbunden. Und wer sich generell für unentbehrlich halte, könne schnell an die Grenzen der Belastbarkeit und der Effizienz gelangen. «Letztlich hängt es von der Selbstorganisation ab, wie gut jemand regenerieren kann.»
Die Psychologin sieht aber in flexiblen Arbeitszeiten und der zunehmenden Durchmischung von Arbeit und Freizeit mehr Chancen als Risiken: «Im Idealfall sollten Arbeitnehmer und Arbeitgeber davon profitieren können.» Für den Arbeitnehmer bedeute das mehr Flexibilität und mehr Selbstverantwortung, aber auch mehr Selbstverpflichtung. Ein Unternehmen wiederum könne Spitzen besser auffangen und schwächere Zeiten kompensieren. Doch die Führungsarbeit werde in einem solchen Modell bedeutend anspruchsvoller: «Die Chefs müssen erkennen, welche individuellen Ziele, Fähigkeiten und Ressourcen ihre Mitarbeitenden haben und sie nach den Möglichkeiten des Unternehmens darin fördern.»
Belastend und frustrierend
Skeptischer sieht das Bärbel Kerber: «Nie mehr Büro heisst leider eben auch nie mehr Büroschluss.» Auch Norbert Semmer, Professor für Arbeitspsychologie an der Universität Bern, konstatiert, dass sich die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit immer stärker aufweichen. «Das betrifft nicht nur den Feierabend, sondern in zunehmendem Mass auch die Wochenenden und die Ferien», sagt er. Motor dieses Trends sind nach seiner Ansicht ganz klar die modernen Kommunikationsmittel, und die Entwicklung setze meist schleichend ein: «Anfangs braucht man vielleicht nur schnell eine Auskunft, und wenn man die Handynummer des Arbeitskollegen hat, dann ruft man halt schnell an. Mit der Zeit tritt dann ein Gewöhnungseffekt ein, und die Störungen in der Freizeit werden häufiger.» Irgendwann werde dann auch der Gruppendruck zu einem Faktor: Wenn es allgemein akzeptiert sei, in der Freizeit noch schnell dies und das für die Arbeit zu erledigen, geraten Menschen, die sich dem entziehen wollen, zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Ausserdem werde Erreichbarkeit auch mehr und mehr zur Statusfrage: Angestellten bestätigt das ständig angeschaltete Handy und der regelmässige Blick in die Mailbox nach Feierabend das Gefühl der Unersetzlichkeit, für Vorgesetzte ist die Möglichkeit, ihre Mitarbeitenden rund um die Uhr zu behelligen, ein Zeichen von Macht.
Sofern bestimmte Bedingungen eingehalten werden, sei gegen diese Entwicklung nicht viel einzuwenden, sagt Semmer: «Wenn die Bereitschaft zur Hinnahme solcher Störungen vergütet wird mit mehr Verantwortung und Selbstbestimmung, kann das die Arbeitszufriedenheit deutlich steigern.» Das an sich positive Gefühl, wichtig für den Betrieb zu sein, kann aber schnell in Frustration umschlagen. «Wichtig ist vor allem die Frage, wie oft und zu welchen Zeiten ich gestört werde», sagt Semmer. «Ausserdem stellt sich die Frage, ob die Störungen eher angenehmen oder unangenehmen Charakter haben. Eine Erfolgsmeldung wie zum Beispiel einen Vertragsabschluss nehmen sicher die meisten gern auch
zur Unzeit zur Kenntnis. Wenn der Chef aber nachts um Zehn anruft, um zu fragen, wo der versprochene Bericht bleibe, dann bedeutet das einen erheblichen Stress, der die Erholungsfähigkeit stark einschränkt.»
Zentral ist für Semmer auch die Frage, ob die Bereitschaft, sich auch in der Freizeit mit der Arbeit zu beschäftigen, von den Vorgesetzten wahrgenommen und wertgeschätzt wird. Konkret:
Wird es im Gegenzug akzeptiert, dass jemand auch mal nachmittags um Drei das Büro verlässt, oder sind die Präsenzzeiten immer noch so hoch wie früher?
Wird der Einsatz ausserhalb der regulären Arbeitszeit verdankt, oder wird es im Gegenteil bereits negativ ausgelegt, wenn das Handy mal abgestellt oder nächtliche Mails unbeantwortet bleiben?
Sind die Störungen notwendig und auf Zeiten besonders grosser Belastung beschränkt, oder erleben die Angestellten diese als Ausbeutung und dauerhafte Ausweitung der offiziellen Arbeitszeit?
Auf einen weiteren Punkt macht die deutsche Gesundheitspsychologin Carmen Binnewies aufmerksam. Das Fazit ihrer Forschungen: Wer Leistung im Beruf bringen will und soll, müsse erholt sein, und «dementsprechend kommt der täglichen Erholung beziehungsweise der Erholung am Wochenende eine wichtige Bedeutung zu». Und da Erholung im Stand-By-Modus nicht funktioniert, muss man auch mal abschalten dürfen - im übertragenen wie im wörtlichen Sinn (siehe Interview mit Carmen Binnewies).
«Es sind, wie so oft, die Details, die darüber entscheiden, ob ein Arbeitsverhältnis als Belastung oder als Bereicherung angesehen wird», sagt Norbert Semmer. Bis jetzt sei die Aufweichung von Frei- und Arbeitszeit ein schleichender, kaum reflektierter Prozess, und nach seiner Erfahrung haben sich noch nicht genügend Unternehmen aktiv mit den damit verbundenen Fragen auseinandergesetzt: «Hier herrscht noch ein grosser Nachholbedarf, und zwar auf Seiten der Betriebe ebenso wie auf Seiten der Mitarbeitenden, die ihr Verhalten hinterfragen müssen.»
Stress und Burnout drohen
Dass hier mehr Sensibilität zwingend erforderlich ist, belegt allein schon ein Blick in die Gesundheitsstatistiken: In der Schweiz beklagen sich laut einer Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz aus dem Jahr 2005 31 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung über arbeitsbedingte Beschwerden - gut die Hälfte davon sieht in Stress die Ursache dafür. Gemäss einer Untersuchung des Staatssekretariats (Seco) für Wirtschaft beliefen sich die dadurch verursachten direkten und indirekten Kosten im Jahr 2003 auf 4,2 Milliarden Franken. Eine weitere Erkenntnis der Seco-Studie ist, dass stressbedingte Leiden permanent zunehmen. Heute dürften die vor sechs Jahren errechneten Kosten bereits deutlich höher liegen.
Die Schweiz steht mit diesem Problem nicht allein da, im Gegenteil: Fast alle hoch entwickelten Volkswirtschaften plagen die gleichen Sorgen. Besonders ausgeprägt ist die Stressproblematik in Deutschland, wo gemäss einer Untersuchung aus dem letzten Jahr jede/r Dritte Erwerbstätige über Stress klagt.
Wenn wir diese Signale nicht ernst nehmen, halsen wir uns über kurz oder lang ein gewaltiges Problem auf. Dieser Ansicht ist jedenfalls Thorsten Berghändler, leitender Arzt für den Bereich psychosoziale Erkrankungen an der Klinik Gais, einer der führenden Institutionen in der in der Schweiz für Burnout-Rehabilitation. In dieser Funktion hat er täglich mit Burnout-Patienten zu tun. Die ständige Erreichbarkeit hat nach seiner Erfahrung einen sehr grossen Einfluss auf das Risiko auszubrennen, vor allem bei Führungskräften.
Klinikintern spricht man deshalb bereits vom «Blackberry-Syndrom». Einerseits sei die Anfälligkeit dafür eine Frage des eigenen Umgangs mit den Mobiltechnologien, und hier sind nach Erkenntnis von Berghändler in erster Linie Männer gefährdet, «vor allem jene, die ihren Job als Statussymbol betrachten. Frauen scheinen da viel vernünftiger zu sein.» Darüber hinaus ist es aber auch eine Frage der Unternehmenskultur: «Ein Patient berichtete mir, dass er regelmässig in seiner Freizeit angerufen wurde, wenn er Mails innert zehn Minuten nicht beantwortet hatte», erzählt Berghändler aus seiner Praxis. «Ebenfalls höre ich immer wieder von Patienten, dass sie nur an Urlaubsdestinationen reisen durften, wo Empfang garantiert war.»
Wichtig sei es, sich abgrenzen zu lernen, und da seien die Unternehmen ebenso gefordert wie die Burnout-Betroffenen selbst. Zur Therapie gehören darüber hinaus auch das Erlernen von Techniken zur Arbeitsorganisation und die Auseinandersetzung mit Wertfragen. «Bei vielen Burnout-Patienten hat die Arbeit einen derart dominanten Stellenwert angenommen, dass sie grundsätzliche Fragen wie den Wert der Gesundheit oder eines intakten Familienlebens vernachlässigt haben.» Manchmal begegnet Berghändler aber auch Patienten, die in Sachen Erreichbarkeitswahn ein regelrechtes Suchtverhalten an den Tag legten. In diesen Fällen hilft oft bloss noch ein totales Handy- und www-Verbot. «In der kontaktfreien Zeit haben diese Patienten dann die Möglichkeit, wieder sich selbst kennenzulernen.»
«Diese Problematik hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, und ich fürchte, dass sie noch weiter zunehmen wird», sagt Berghändler. Er hält die jederzeitige Verfügbarkeit für unphysiologisch, sprich widernatürlich und fordert die Unternehmen auf, nicht noch weiter an dieser Schraube zu drehen. «Wenn man Mitarbeitende nicht als austauschbares Verbrauchsmaterial betrachtet, ist das weder unter dem Aspekt der Gesundheit noch unter dem Aspekt der Produktivität sinnvoll.»
Arbeitsgesetz mit Lücken
Doch rechtlich gesehen ist die ständige Erreichbarkeit gar nicht so einfach zu regeln. Für den Rechtsanwalt und Arbeitsrecht-Spezialisten Adrian von Kaenel sind zumindest zwei Punkte klar: Die tatsächliche Einsatzzeit, also die Zeit, in der ein Arbeitnehmer einen Anruf entgegennimmt oder eine E-Mail liest, ist öffentlich- und privatrechtlich als Arbeitszeit einzustufen. Wenn der Arbeitnehmer zudem aufgrund der ständigen Erreichbarkeit derart häufig gestört wird, dass die Zwischenräume nicht mehr als Freizeit taxiert werden können, müsse die gesamte Bereitschaftszeit als Arbeitszeit eingestuft werden.
Soweit, so gut. Von Kaenel ortet aber trotzdem einen Handlungsbedarf: «Die arbeitsgesetzlichen Rahmenbedingungen sind nicht eben massgeschneidert für neue Arbeitsformen wie die ständige Erreichbarkeit des Arbeitnehmers.» Zumindest auf Verordnungsstufe müssten bestehende Konfliktpunkte geregelt werden. Sie betreffen beispielsweise die Sonntags- und Nachtarbeit, die ja eigentlich verboten sind oder einer Bewilligung bedürfen. Wenn nun Erreichbarkeit eines Arbeitnehmers heisst, dass sein Handy eingeschaltet ist und er angerufen werden könnte, so stelle dies noch keine Arbeitszeit dar und wäre also auch in der Nacht und am Sonntag zulässig. «Sobald hingegen ein Einsatz erfolgt, also ein SMS oder ein E-Mail gelesen wird, wird Arbeit geleistet, was eigentlich eine Bewilligung erfordert.»
Weitere Punkte, die noch nicht geregelt sind, betreffen die maximale Arbeitszeit oder die vorgeschriebene Ruhezeit. Im privatrechtlichen Bereich sind die ständige Erreich- und Verfügbarkeit nach Ansicht von Kaenels nicht mit dem Ferienbezug zu vereinbaren. Die Erreichbarkeit führt zu einer Grundspannung, die der von Gesetzes wegen angestrebten «Tiefenerholung» während der Ferienwochen entgegensteht. Für den Rechtsanwalt ist deshalb klar, dass es wissenschaftliche Grundlagen braucht, um die neuen Arbeitsformen rechtlich und auch arbeitsmedizinisch ausgewogen behandeln zu können.
Unternehmen sind gefordert
Barbara Gisi, Leiterin Angestelltenpolitik beim KV Schweiz, kennt denn auch kein Unternehmen, das die Erreichbarkeit der Mitarbeitenden in der Freizeit geregelt hat. Einzige Ausnahme sind Stellen im Topkader und Pikettdienste, bei denen die Anwesenheitspflicht aber finanziell entgolten wird. «Das hängt ganz klar damit zusammen, dass das, was viele Mitarbeitende heute mehr oder weniger freiwillig leisten, klar im Gegensatz zum Arbeitsgesetz steht», sagt sie. «Die Unternehmen können es sich also schon juristisch gar nicht leisten, ständige Erreichbarkeit zu verordnen.»
Trotzdem weiss auch sie - und spürt es als Kaderangestellte nebenbei auch am eigenen Leib -, dass der Arbeitstag immer seltener mit dem Verlassen des Büros aufhört. «Wenn die Unternehmen dies auch nicht aktiv verordnen, so tun sie aber auch nichts, um diese Entwicklung zu stoppen», weiss sie. «Im Gegenteil, immer mehr Betriebe stellen ihren Angestellten die Mobiltechnologie zur Verfügung. Und auch wenn damit keine explizite Verpflichtung verbunden ist, so neigen die Angestellten dennoch auch ausserhalb der Bürozeiten dazu, noch schnell das eine oder andere für den Arbeitgeber zu erledigen.»
Grundsätzlich ablehnen will sie das nicht. «Wer vermehrte Verantwortung und Selbständigkeit sucht, muss bis zu einem gewissen Punkt dazu bereit sein.» Gleichzeitig empfiehlt sie aber, die geleistete Arbeit in der Freizeit zu rapportieren. «Auch wenn die Überstunden nicht eingezogen werden können, so ist das als Argumentationshilfe gegenüber dem Arbeitgeber oder nur schon aus Gründen der Bewusstwerdung sinnvoll.»
Der KV Schweiz hat zudem ein Projekt in Planung, das in diesem Bereich klare Regeln schaffen will: In Zusammenarbeit mit Fachleuten der Arbeitsmedizin soll in den nächsten Monaten eine Broschüre entstehen, die Empfehlungen zum Umgang mit Mobiltechnologien enthält.
Internet am Strand
Solche Empfehlungen scheinen durchaus nötig zu sein. Denn wenn jetzt demnächst in vielen Haushalten die Koffer für die Ferien gepackt werden, gehören Laptop und Handy häufiger denn je ins Gepäck. Dies jedenfalls lässt eine - allerdings nicht repräsentative - Umfrage des Online-Stellenportals Monster vermuten: Lediglich 39 Prozent der Befragten gaben an, in den Ferien überhaupt nicht an die Arbeit zu denken. Ein Viertel hinterlässt die Kontaktdaten für den Notfall, ein weiteres Viertel checkt regelmässig E-Mail und Combox, und rund zwölf Prozent nehmen sogar Arbeit mit in die Ferien.
Die Tourismusindustrie hat schon längst auf diesen Trend reagiert, und weltweit gehört der drahtlose Internetzugang (Wlan) heute zum gängigen Ausbaustandard für Hotelanlagen und Ferienhäuser. Selbst Campingplätze rüsten heute schon mit Wlan auf. Vorreiterin dieser Entwicklung ist die deutsche Ostseeinsel Usedom, dort ist der Internetzugang sogar am Strand sichergestellt.
Den Kindern beim Sandburgenbauen zuschauen und zwischendurch schnell die Mails abarbeiten - da kann man nur noch schöne Ferien wünschen.





